VOM VERSUCH, EIN ZAPPELNES KANINCHEN FESTZUHALTEN

Die Realität erfassen zu wollen, gleicht dem Versuch, ein zappelndes Kaninchen festzuhalten.
Was bleibt ist vielleicht ein ausgerissenes Fellbüschel, mit Sicherheit einige Kratzer in der eigenen Haut, und in den Händen das Nachgefühl dieser fremden unfassbaren, zuckenden Körperspannung.
Das Tier, welches in meinem Garten Löcher gräbt und Wurzeln frisst, ist nicht in der selben Realität angesiedelt wie ich. Die Ohren wie Antennen über dem Kopf, die Augen seitlich, lebt und bewegt es sich in einer anderen Geschwindigkeit.
Nur gelegentlich kreuzen sich unsere Lebensbereiche und unsere Wahrnehmungen.
Der Anblick vom Eingang einer Kaninchenhöhle zeigt mir nicht mehr als ein schwarzes Loch.
In diesem schwarzen Loch öffnet sich eine Welt.
Dieses Ungewisse, dieses Unheimliche ist es, was ich suche.

Dann, ich halte das betäubte Kaninchen in den Händen, betrachte seine Wunde, blicke in seinen Körper hinein, meine Sinne entschwinden und ich werde ohnmächtig.

 2015

 

 



RELIKTE

Als Spurensucherin grabe ich mich durch Lexika und Sachbücher.
Ich löse Fotografien aus ihrem ursprünglichen Kontext, betrachte sie isoliert und entfremdet von einem komplexen Zusammenhang.
Die Bilder stehen als Zivilisationsrelikte, sie zeugen zugleich von Kultur, Geschichte, Natur und deren Verwandlungen. Sie sind verflochten in verschiedensten Beziehungen zur Welt. Ein Lexikon widerspiegelt unweigerlich auch immer den aktuellen Zustand einer Gesellschaft, in welchem politische und soziale Sichtweisen manifestiert sind. Durch die abgebildeten Objekte werden komplexe Strukturen einer Geschichtsschreibungen thematisiert.

Meine Arbeit gleicht kultureller Archäologie, die jedoch weit tiefer reicht als eine faktisch-materielle Basis.
Ich betrachte die Bildsprache der Wissensproduktion und der Welt- und Wissensvermittlung.
Aus einem Gegenstand wird ein Objekt der Wissenschaft, der erforscht, systematisiert und in einen Deutungszusammenhang gebracht wird. Ich untersuche die Repräsentationen von Alltagsgegenständen, der Natur und von Situationen in den Wissenschaften.
Dabei interessiert mich, welchen Einfluss ideologische Voraussetzungen haben und welche Faktoren der Macht dabei eine Rolle spielen.

Aus vorgefundenem Bildmaterial bilde ich Systeme von Beziehungen, die den einzelnen Elementen mehrere Existenzebenen zuordnen. Sie werden dadurch zu symbolischen Operatoren, offenbaren und täuschen zugleich. Es entsteht eine Reflexion über die Ordnungsbegriffe, die den kulturellen Akt der Interpretation zulässt. Ich gehe davon aus, dass intuitive Ordnungskriterien denkbar sind, die sich nicht an gegenwärtigen wissenschaftlichen Rastern orientieren. Durch eine eigene Anordnung setze ich visuelle Assoziations- und Denkprozesse in Gang.

Die Wissenschaft als heutige Religion ist unanfechtbar, weil nicht nachvollziehbar geworden.
Ihre Bilder autonom zu verwenden bedeutet auch, sich der Gewissheit der wissenschaftlichen Autorität entgegenzustellen. Sakrales und Profanes, ästhetische und wissenschaftliche Aspekte stehen in meiner Arbeit gleichwertig nebeneinander. Beutestücke aus der Wissenschaft und aus dem Alltag fügen sich so zu einem Gebilde von ganz eigener Dimension. Es entsteht Platz für das Ungewisse, das Unheimliche und das Unberechenbare.

Für die Betrachtung der neu geordneten Bilder muss Wissen durch Intuition ersetzt werden. Ich vertraue auf eine individuelle Wahrnehmung und Deutung, denn Verständnis bezieht sich immer wieder auf die eigene Geschichte und auf das Verhältnis jedes einzelnen zu seiner Umwelt.

2012





SURVIVAL STRATEGIES

Die Umwelt (ursprünglich die Wildnis) fordert stete Anpassung an die vorherrschenden Umstände.
Dazu entwickeln wir Fähigkeiten, die das Überleben erleichtern und für eine Etablierung in der Umgebung grundlegend sind.

Die Reihe "survival strategies" nimmt Bezug auf die Verbreitung von spezifischem Wissen im Internet, das in unterschiedlichsten Lebensbereichen anwendbar ist.
Wissen weiterzugeben ist Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, ein Teil "evolutionärer Massnahmen".
Dabei stellt sich die Frage, wohin diese Evolution führt, wie unsere Fähigkeiten und unser Wissen angewendet werden kann, und was Fortschritt denn meint.

Detaillierte Anleitungen ermöglichen den Eigenbau alltäglicher Geräte oder Hilfsmittel.
Mit einfachen Mitteln wird bereits Existierendes imitiert, dabei entstehen Varianten, die durchaus als Alternative zu einem Konsumgut dienen können. Das Bedürfnis nach selbstgestaltetem Raum und selbstgebauten Geräten bleibt trotz den Konsummöglichkeiten dieser Produkte bestehen.
Dabei geht es in einer Konsumgesellschaft nicht darum, aus einer Notlage erfinderisch zu sein, sondern sich selber eine sinnvolle Beschäftigung zu schaffen.
Mit den Händen zu arbeiten ist ein wesentlicher Bestandteil einer Existenz. Handarbeit und Handwerk schaffen einen realen Wert, ein direktes Ergebnis. Das Bedürfnis etwas Sinnvolles herzustellen entsteht als Reaktion auf die Entfremdung der Arbeit.
So wird die Freizeit zum Überlebenscamp im Bereich der belanglosen Dinge, in der Selbstversorgung gespielt wird und  immer mehr an existenziellem Wert verliert. Es bleibt ein Versuch, dem Handeln Sinn zu verleihen - ein Versuch unser mentales Überleben zu sichern.